Vita

Einblicke, Überblicke und mehr zur Künstlerin

Stifte, Farben und Materialien – sie begleiten schon mein ganzes Leben.

Auf einem bunten Weg habe ich verschiedenste Bereiche in der  künstlerisch-gestaltenden Richtung kennen gelernt. Jeder Schritt hat dazu beigetragen, meine aufmerksame Wahrnehmung zu schulen, unterschiedlichste Techniken kennen zu lernen und mir eine weitreichende Materialkenntnis anzueignen.

Dieser Materialreigen, begonnen bei den Farbstiftsammlungen im Kindergarten, schließt sich über einen großen Bogen hinweg zu meinen heutigen Arbeiten als Erwachsene an. Analoges Arbeiten, d.h. der Umgang mit „greifbaren“ Materialien ist mir nach wie vor ein Bedürfnis. Nach bzw. neben den klassischen Zeichentechniken und dem Bau von Papierobjekten setzte ich seit Sommer 2015 die innovative Technik des 3D Drucks in meiner freien Arbeit ein und benutzt ihn analog. So erstelle ich neuartige 3D Zeichnungen, indem die motorische Bewegung bzw. Führung meiner Hände das geschmolzene Filament in seine endgültige Position bringt.

„3D Prints“, 3D Zeichnungen, analog gezeichnet, ohne das Zwischenschalten eines 3D Druck Programms – das ist meine ganz persönliche Weiterentwicklung, die Zeichnung auf einem innovativen Weg in die dritte Dimension zu übersetzen.

seit 2000
freiberufliche, künstlerische Tätigkeiten u.a.:

seit Sommersemester 2017 – Lehrauftrag für Zeichnung und Raum & Form, Hochschule für Gestaltung Pforzheim, Katapult

1996-2011 – Bildhauerei und Kostümausstattung des SWR Baden-Baden

2001-2008 – Bildhauerei des Badischen Staatstheaters Karlsruhe

seit 2007 – wöchentliche Illustrationen für „Die Rheinpfalz am Sonntag“

2005-2014
nebenberufliche Ausbildung zum Begleiteten Malen und zu LOM® (Lösungsorientiertes Malen), Bettina Egger, Institut für humanistische Kunsttherapie in Zürich / Schweiz

1997-2000
Ausbildung zur Bühnenplastikerin am Staatstheater Stuttgart, beim SWR Baden-Baden und an der Bayerischen Staatsoper München

1992-1997
Studium Hochschule für Gestaltung Pforzheim, Fachbereich Mode-Design

1970
geboren

  • ausstellungen machen
  • illustrationen anfertigen
  • auftragswünsche erfüllen (fast alle)
  • kurse (besser: Begleitung) im aufmerksamen finden eigener bilder

Vorschau 2018

  • n.n., DfKI Kaiserslautern (Deutsches Forschungsinstitut für künstliche Intelligenz), zusammen mit Vera Hilger, Aachen

2017

  • „plaudern aus dem nähkästchen“, Kahnweilerhaus Rockenhausen, Einzelausstellung
  •   „Albert-Haueisen-Kunstpreis 2017“, Zehnthaus Jockgrim
  • „BLÜHEN“, UP ART CONTEMPORARY, Neustadt
  • „Schnittstellen – Bestandsprobe IV“, Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern
  • „flüstern im verborgenen (zwei), GEDOK, Stuttgart
  • „material girls“, UP ART CONTEMPORARY, Neustadt

2016

  • Perron-Kunstpreis der Stadt Frankenthal (Pfalz), Sparte Graphik, Kunsthaus Frankenthal
  • „Pfalzpreis für Bildende Kunst 2016 – Sparte Graphik / Fotografie / Video / Neue Medien“, Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern
  • „Unterwegs“, Kunst im Grünen, Wasserburg Reipoltskirchen
  • „Atelier und Künstler“, Teilnahme 27. Kreiskulturwoche Rhein-Neckar-Kreis, Schloss Neckarhausen
  • „Jelängerjelieber“, Galerie UP ART, Neustadt
  • „Flüstern im Verborgenen“, zusammen mit
    Anna Maria Tekampe, Museum Pachen, Rockenhausen,
  • 21. Galerientage, Kunstverein Mannheim über Galerie UPART, Neustadt

2015

  • Albert-Haueisen-Kunstpreis 2015, Zehnthaus Jockgrim
  • „wie es ihr gefällt“, Kunstverein Neustadt, Villa Böhm, Einzelausstellung
  • „werden…wachsen…wuchern…“, Städtische Galerie Villa Streccius, Landau
  • „Hommage à Karlsruhe“, Ausstellung zum Stadtgeburtstag Karlsruhe, Regierungspräsidium Karlsruhe

2014

  • „Liebes- und Hochzeitsweg“, Skulpturenweg Rechberghausen
  • „zeichnung und papierobjekte“, Alte Seilerei Karlsruhe, Einzelausstellung
  • Teilnahme „KUNST direkt“ Künstlermesse Rheinland-Pfalz, Mainz

2013

  • Akt mit Pyramide – Die schönsten Zeichnungen der graphischen Sammlung“, Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern
  • „10×10“, Zehnthaus Jockgrim
  • Kleinplastik, Herrenhof Mußbach
  • „Gegenüber 5. Akt“– zeitgenössische Kunst in den ehemaligen Pförtnerhäuschen des Alten Schlachthofs Karlsruhe
  • Albert-Haueisen-Kunstpreis 2013, Zehnthaus und Ziegeleimuseum, Jockgrim
  • „Kleine WunderWerke“, zusammen mit Libuse Schmidt, Galerie 38, Karlsruhe
  • Teilnahme 5. Künstlermesse Baden-Württemberg, Stuttgart
  • „zeichnung und papierobjekte“, zusammen mit Susanne Klary, Künstlerhaus BBK Karlsruhe

2012

  • „zeichnung und papierobjekte“, Artelier21, Rheinzabern, Einzelausstellung
  • Teilnahme „Kunst-direkt“, Künstlermesse Rheinland-Pfalz, Mainz

2011

  • „zeichnung und papierobjekte“, Galerie Bergswerk, Edenkoben, Einzelausstellung
  • „zeichnung und illustration“, Kreishaus Landau, Landkreis SÜW, Einzelausstellung

2010

  • Teilnahme 19. Karlsruher Künstlermesse, Regierungspräsidium Karlsruhe
  • Teilnahme „KUNST direkt“, Künstlermesse Rheinland-Pfalz, Mainz, Auszeichnung „Messestand-kreativ Preis“

2009

  • „leichtigkeiten“, zusammen mit Sven Ochsenreither, Galerie im IPP (Institut für Plasmaphysik), Greifswald
  • „Hoffnungslose Optimisten“, eine Gemeinschaftsausstellung der beiden Künstlergruppen „leichteralsluft“ und „nordnordwestkap“, Städtische Galerie Villa Streccius, Landau

2008

  • „Lieblingsstücke“, Versandhaus Peter Hahn, Winterbach, Einzelausstellung

2007

  • „leichtigkeiten“ zusammen mit Sven Ochsenreither, Städtische Galerie Villa Streccius, Landau
  • „Alltagsmanager“, Die Rheinpfalz am Sonntag, Landau, Einzelausstellung

2006

  • “homage á mozart – Mozart und sein Jahrhundert“, Schloss Farrach, Zeltweg-West (Österreich),
  • „corps et parures“, Chapelle Saint Quirin, Sélestat/Alsace (Frankreich)
  • „chemin de papier“ – Papierwerk“, Regierungspräsidium Karlsruhe

„plaudern aus dem nähkästchen“ – zeichnungen und objekte

Einführungsrede von Katharina Dück

Kahnweilerhaus Rockenhausen, 5. November 2017

Wir alle haben ihn – jenen berühmten roten Faden, der sich durch unsere Gedanken, Gefühle, ja unser ganzes Leben zieht. Dieser rote Faden kann ein Motiv oder ein Symbol sein, das uns immer wieder scheinbar zufällig begegnet und uns den Weg zu weisen scheint. Oder uns Kraft gibt, schwere Zeiten durchzustehen. Oder uns in unserem Handeln zu bestätigen scheint. Dieser rote Faden kann auch ein Thema sein, das uns immer wieder in unserem Leben beschäftigt und zu dem wir immer wieder zurückzukehren scheinen. Und bei manch einem handelt es sich nicht um einen roten Faden, sondern um mehrere. Und manche dieser roten Fäden sind gar nicht rot, sondern bordeaux, magenta, pink, orange oder gar blau, gelb, grün. Sie alle stehen für unzählige Gedanken, Gefühle, Symbole, Motive, Momente und Begegnungen. Sie verbinden, ja verflechten, sich schließlich zu kleinen Verzierungen. Für sich sind die Verzierungen schwer zugänglich, aber wenn man sie mit etwas zeitlichem oder räumlichem Abstand betrachtet, sieht man, dass aus mehreren kleinen Verzierungen sich irgendwann Muster ergeben haben. Wenn man diese dann im Zusammenhang betrachtet, erschließen sich zuweilen fantastische Dinge, z.B., dass all die Fäden, Verzierungen und Muster sich schließlich zu einem Teppich verwoben haben, den wir im Ganzen unser Leben nennen. So gesehen sind wir alle nichts anderes als von uns und zuweilen mithilfe von anderen geknüpfte Teppiche in unterschiedlichen Stadien. Nur manchmal – und das ist die Krux an der Sache – knüpfen sich diese Fäden auch ganz unmerklich, während wir mit anderen Dingen oder Verzierungen beschäftigt sind. Wir wundern uns womöglich später erst über die entstandenen Muster und versuchen dann die Muster zu verfolgen und sie vielleicht zu ergründen. Nur gelingt uns das nicht immer oder nur unter größter Mühe. Außerdem bleibt immer die Frage danach, wie man das macht? Knüpft man die Fäden einfach wieder auf oder holt man gleich eine Schere und versucht, den Teppich aufzuschneiden? Bekommt man das alte Muster wieder genauso hin? Will man das überhaupt?

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir haben heute das Glück, dass wir mithilfe von Natascha Brändlis wunderbarer Werkschau beobachten können, wie man sowas macht – dieses Aufknoten und Zuknoten – wie sie sowas macht und es schafft, ihre Fäden zu entwinden, Knoten zu verfolgen, sie zu lösen und weiterzuverfolgen, bis die Fäden die Künstlerin selbst und uns mit ihr zu ihren Ursprüngen, ihrem Inneren und Innersten bringen und in der Bewusstwerdung von Schleifen und Schlaufen schließlich Wesentliches offenbaren. Auch hinter Natascha Brändlis Teppich verbirgt sich eine Lebensgeschichte, worin sich wiederum unzählige Geschichten verbergen, die sich wiederum auf einzelne Fäden zurückführen lassen, weil sie sich irgendwann einmal miteinander verwoben haben.

Eine dieser Geschichten – und vielleicht plaudere ich hier etwas aus dem Nähkästchen – führt uns in Natascha Brändlis Kindheit und zu ihrer Großmutter, bei der sie als Kind wohnte und der sie beim Stricken und Häkeln stundenlang fasziniert zusah, zusehen konnte. Zwar habe sie dabei das stricken und häkeln niemals gelernt, aber die geduld und durchaus die handwerkliche Könnerschaft der inneren und äußeren Wiederholungen rhythmischen Arbeitens und die damit verbundene Wirkung des Entschleunigens und Entrückens. Die künstlerische Umsetzung dieser Geschichte, welche sie über die Phasen der Bühnenbildnerei am Theater und dem Modedesign-Studium hin zur freien Kunst führte, können wir heute in ihren sogenannten strickarbeiten sehen: Es sind Arbeiten, die aus der innovativen Technik des 3D-Drucks abgeleitet sind. Natascha Brändli setzt diese Technik in ihrer freien Arbeit ein und benutzt sie analog, indem sie mechanische Funktionen eines 3D-Druckers durch rein motorische Bewegungen ihrer Hände ersetzt. Ihr Garn ist das PLA-Filament, ihre Technik die 3D-Zeichnung durch die Führung ihrer Hände – nicht unähnlich der einstigen Händeführung ihrer Großmutter beim Stricken –, nur dass Natascha Brändli das geschmolzene Filament endgültig in Position bringt, in Schleifen und Schlaufen legt, Verzierungen schafft, die sich nicht mehr verändern lassen, so dass sie im wahrsten sowie doppelten Sinne des Wortes an ihrer eigenen Geschichte, ihrer Werk- und Seinsgeschichte, webt.

Dadurch kommt der Linie, die in Natascha Brändlis Werk von jeher als reduzierte und gleichzeitig stärkste, nämlich einer Beziehungslinie zwischen Objekten oder Objekt und Subjekt eine gewichtige Rolle spielte, eine noch größere Bedeutung zu. Man könnte auch sagen, dass die Linie als Thema ein weiterer roter Faden ist, der eine Geschichte ihres Teppichs erzählt, die noch nicht zu Ende erzählt ist, sondern jetzt aus der zweidimensionalen Welt in die dreidimensionale kommend ein neues Stadium erreicht: Die Linie ist nicht mehr „bloße“ Zeichenlinie, die man theoretisch wieder ausradieren oder mit einem zweiten Blatt bedecken und dadurch Verbindungen zwischen Objekten oder eben Objekt und Subjekt wieder lösen könnte. Natascha Brändlis Zeichenlinie nimmt nun Platz und Raum ein, erzählt die alte Geschichte der Linie neu: Die Bewegung der Verknüpfung herstellenden und webenden Hand bleibt endgültig in ihrer Form und lässt Erinnerungssprache nicht nur sichtbar, sondern auch greifbar werden. Ihre Linien schreibt sie in unseren gemeinsamen Raum hinein. Dabei gewinnen diese Linien nicht nur Stofflichkeit im Sinne einer Materialität, sondern auch Stofflichkeit im Sinne von Material und damit kommt der Linie mit ihrer räumlichen Mehrdimensionalität auch eine inhaltliche Mehrdimensionalität zu, die uns auf vielen verschiedenen Ebenen anspricht: Jene strickarbeiten am Eingang ähneln nicht lediglich Strickmustern, weil sie gewoben sind. Sondern, gerade weil sie in den Raum hinein gewoben sind, erinnern sie uns auch an Räume, an Landschaften und Felder. Die strickarbeiten stricken in uns weiter, weil sie vieldeutig sind und unsere Gedanken in ihre Formen hineinfädeln und anregen.

Am eindrücklichsten finden wir diese Gedanken gebündelt vielleicht in der jüngst durch den Albert-Haueisen-Kunstpreis prämierten Hauptarbeit N° 46 (die Arbeit kennen Sie spätestens von der Einladungskarte): Hierin hat Natascha Brändlis Linie zum Raum, Sinnlichkeit zum Sinn, Material zum Muster und damit gleichfalls zwei ihrer Kunstfertigkeiten auf einzigartige Weise miteinander verbunden, nämlich die Zeichnung und die Plastik. Und genau diese dimensionale Überschreitung zeichnerischen Webens ist es, die so viele Schlaufen um unsere Assoziationen von Material und Materialität legt: Ist es die Anspielung eines jener Röcke von Degasʼ Balletttänzerinnen? Ist es eine Abendhandtasche? Ein Hut oder gar ein Schnurrbart? Linie wird zur Schlaufe, Schlaufe zur Verzierung, Verzierung zum Muster, das in seiner Gesamtheit zum Material wird oder eine Materialität erschafft und uns die Bedeutung von Konkretem und Abstraktem durch Zusammenfall beider vor Augen führt: N° 46 kann ein Stück Teppich sein, aber es kann auch ein Stück Lebensteppich im übertragenen Sinne meinen. Es kommt ganz darauf an, welche Geschichte man erzählen möchte und welchen Faden man dabei aufnehmen will oder kann.

Interessant werden die Geschichten vor allem dort, wo sie als Faden eine Schlaufe legen und damit einen Kreis, oder vielmehr ein Oval symbolisieren. Dieses Symbol begegnet Ihnen vielfach in Natascha Brändlis Werk: einzeln, in unterschiedlichen Stadien der Entwicklung, oder in Gruppen oder gar Trauben stehenden – fast an Massenhaltung gemahnende – Ovalen, die beziehungsreich ihr Dasein kommunizieren und uns schließlich an uns erinnern: Denn am Ende steht das Oval auch für uns, den Menschen, auf sein Wesentliches reduziert, seinen Solar plexus, der von einem Punkt startend sich linear fortbewegt und sich allein damit schon in seine Umgebung einschreibt. Um aber eine Beziehung herzustellen, in eine ovale Schlaufe sich legt, indem er – im übertragenen Sinn – sich zum Gegenüber positioniert, kommuniziert und sich wieder auf sich besinnt.

So entstehen Geschichten. Sie beginnen mit etwas Kleinem und Unscheinbarem – auch eine von Natascha Brändlis Qualitäten und gleichzeitig einer ihrer Fäden in ihrem Werk- und Lebensteppich: Das Unscheinbare findet sie nicht selten in kaum beachteten, nicht desto weniger ungewöhnlichen Naturmodellen wie dem kleinen Häubchen der Pantoffelblume, dem sie die Form entlehnt hat. Es gibt da einen kleinen Schwung in der Mitte des Häubchens, wo sich zwei Linien treffen. Sie sind kaum wahrnehmbar und bilden doch ein Gemeinsames: eine Form, deren Einzigartigkeit Natascha Brändli in Farbe, Form und Größe hervorgehoben hat. Und obwohl sie diese Linien zu einem Plastikpaar umgesetzt hat, dominiert auch hier die mehrdeutige Linie als Thema, deren Mehrdeutigkeit sich erst aus der Veränderung der Position der Linien und damit der Position der Plastik selbst erschließt. Versuchen Sie zumindest im Kopf die beiden Formen zu verändern: Im Moment liegen sie übereinander. Doch was würde in ihrem Ausdruck passieren, wenn Sie sie zueinander hinlegen, oder voneinander weg? Oder mit den Spitzen oder den Bäuchen zusammen?

Sich der Wesenheiten und der Deutungsvielfalt im kleinen Unscheinbaren, dessen Linien und Windungen bis hin zu Schleifen und schließlich Knoten und deren Ansammlungen, bewusst zu werden und sich deren Bedeutungen für das große Ganze zu vergegenwärtigen, ist essentiell; auch um eigene Fäden zu verfolgen, Knoten zu entwinden und damit Ursprünge freizulegen. Und genau diese Fähigkeit ist es, die Natascha Brändli gekonnt versteht, in ihren Werken umzusetzen und sie auf diese Weise so außergewöhnlich macht – während wir das Glück haben, zuzusehen zu dürfen, wie man Unscheinbares sichtbar macht und ihm Bedeutung verleiht. Öffnet man die Knoten eines Teppichs, sind es am Ende einfach nur Fäden. Die Bedeutungen knüpfen wir hinein.

 

Natascha Brändli – „wie es ihr gefällt“

Einführungsrede von Dr. Heinz Höfchen
Neustadt, Villa Böhm, 28.8.2015

„Wie es ihr gefällt“, meine sehr geehrten Damen und Herren,

so lautet der Titel von Natascha Brändlis heutiger Ausstellung mit Zeichnungen und Objekten. Und natürlich fällt dazu jedem William Shakespeares „Wie es Euch gefällt“ ein, was aber ein völlig anderer Gedanke wäre. Oder wir betrachten am Sonntagmorgen Natascha Brändlis seit 2007 erscheinende wöchentliche Illustrationen für die Rheinpfalz am Sonntag. Das wäre die Version „Wie es der Rheinpfalz so gefällt“ und ganz offensichtlich auch einem breiten Pfälzer Publikum, dem die Zeichnerin dadurch bekannt geworden ist. Allerdings ist sie, wie hier in der Villa Böhm, auch immer wieder mit ihren bemerkenswerten freien Arbeiten in Ausstellungen präsent. Näher dran am Titel sind wir da mit Pippi Langstrumpfs Songtext von Astrid Lindgren:

„2 x 3 macht 4 – und 3 macht 9. Ich mach mir die Welt – wie sie mir gefällt…“
Und genau das ist es, wir können es auch einen Entwurf von Freiheit nennen, von künstlerischer Freiheit, ungebunden an Auftraggeber oder Moden oder an das, was, wie man so schön sagt, erwartet wird. Natascha Brändli zeigt hier, was ihr persönlich am Herzen liegt, es macht ihr Freude, dies zu schaffen und zu zeigen, und damit öffnet sie sich und ihre Kunst auch dem Betrachter.

Die Ausstellung präsentiert zwar die unterschiedlichsten Materialien, aber ein Gemeinsames zieht sich sehr auffällig durch: Es dominiert das Thema der Linie. Und das nicht nur im Zeichnerischen, wo man es erwarten könnte. Nein, auch die Plastiken Brändlis haben fast immer ein starkes lineares Element, wie Naturmodelle wie Mohnstängel oder Korkenzieherweide mit ihren gewachsenen Linien schlagend aufzeigen.

Lassen Sie mich dazu den Gedanken zum Thema der Linie ein wenig weiter fassen: Anthropologisch gesehen könnte man sagen, dass das Studium des Menschen und der Dinge ein Studium der Linien ist, aus denen sie gemacht sind. Dabei geht es um das Vorkommen und die Produktion von Linien im Alltag des Menschen, wie etwa beim Gehen oder Schreiben. Linien schreiben sich in unsere Umgebung ein, zeichnen unsere Handlungen und Wege nach. Ob sie sich nun als Spur manifestieren, dauerhaft oder flüchtig sind, real oder metaphorisch – sie sind allgegenwärtig. Jede Geste, jeder Weg ist dynamische und temporäre Linie und unsichtbare Äußerung.

Oder wie es Walter Koschatzky aus der kunsthistorischen Blickrichtung definiert hat: „Alles vermag eine Zeichnung mitzuteilen, in jeder ihrer Linien formen sich Visionen oder Ahnung als unverschleierte Spur des Menschen, der zeichnet.“
Diese grundlegende Charakterisierung des Zeichnens trifft exakt auch die tiefen Wesenszüge der Zeichnerin Brändli. Denn alles was sie zeichnet, ist die direkte, unverstellte Aussage ihrer Selbst, ist Ausdruck ihrer innersten Gefühle. Sie zeichnet instinktiv nach ihrer inneren Choreographie, nach dem Rhythmus ihrer Existenz. „Mein Sein zeichnen“, könnte die Künstlerin diesen intensiven, inneren Entstehungsprozess ihrer Werke nennen.

Und genau diese Einsichten geben auch, wie wir sehen werden, einen Schlüssel zum Verständnis des Zeichnerischen, der Zeichenkunst und von Zeichnungen überhaupt. Oskar Kokoschka meinte übrigens etwas ganz Ähnliches, als er überaus einprägsam sagte: „Das Leben ist ein Zeichnen ohne Korrektur-möglichkeiten.“ Und damit wäre weiter klar, dass uns die Zeichnerin Möglichkeiten des Existenziellen zeichnet.
Fragen wir uns dabei doch einfach einmal, was Kunst in diesem Zusammenhang überhaupt leistet. Sie leistet natürlich viel Unterschiedliches, aber ich will einen zentralen Punkt herausgreifen und deutlich machen; einen Punkt, der uns auch und gerade im Verständnis der Arbeiten Natascha Brändlis weiterhelfen kann: Es geht immer um den Ausdruck von Emotion und man kann folglich sagen: Die Kunst beurteilt eine Emotion an und für sich.

Auf den Ausdruck der Emotion folgt grundlegend und von ihr abhängig die Vorstellung von der Aura des Kunstwerks. Denn natürlich verweist der Begriff der Aura, des Auratischen auch auf den Kern der Kunstwerke von Natascha Brändli. Dieser zutiefst humanistisch geprägte Begriff umschreibt in einer berühmten Formulierung das Sehen, das vom Anderen herkommt. Im ästhetischen Bezug ist die Aura damit an die Anwesenheit des Betrachters gebunden, der sich einfindet in die besondere Ausstrahlung und Anziehungskraft des Werkes, auf das er in der Begegnung reagiert. Für Walther Benjamin hing die Aura auch mit dem Wachträumen zusammen, Ernst Bloch nannte dasselbe Phänomen mit utopischem Impetus Träumen vorwärts.

Lassen sie uns an diesem Punkt noch ein wenig nachdenken, was hinter dem Begriff der künstlerischen Aura steckt und wie unsere Beziehung zu Farben und Formen, also den grundlegenden Tatsachen der Kunst, eigentlich ist. Das Wichtigste dabei ist: Farben und Formen sind Dinge, keine Zeichen. Und so verhält es sich auch mit den Linien einer Zeichnung! Die Linien, die ein Beinwellblatt umschreiben, sind kein Zeichen für dieses schöne Blatt – nein, sie sind Idee dieses Blattes, sie sind direkter Ausdruck der Umsetzung einer Emotion, die die Natur in uns auslöst. Und damit sind sie keine Zeichen, sondern sie mutieren zu einer Idee von allem, was von der Idee eines Blattes abgeleitet werden kann.

Das war nun vielleicht etwas theoretisch, aber wie ich finde eine gute Gebrauchsanweisung für den Umgang mit Kunst. Natascha Brändli fühlt sich der Natur und der Tierwelt seit jeher eng verbunden, die organischen Formen ziehen ihre Aufmerksamkeit, wie sie es selbst formuliert, unaufhörlich auf sich. Sie entdeckt das große Ganze im Naheliegenden, interessiert sich auch besonders für die kleinen Strukturen, eines Blattes beispielsweise oder getrockneter Tulpensamen. Es reicht schon, in den Garten hinauszugehen und zu schauen, wie es der Natur gefällt zu wachsen, wie es ihr gefällt, eben der Natur. Beinwellblätter sind dabei Brändlis absolutes Lieblingsmodell für die Zeichnungen geworden, die sie meist in kleinen Serien arbeitet. Sie schaut beim Zeichnen übrigens zunehmend nur noch auf das Objekt und nicht mehr aufs Papier und den Zeichenvorgang – der Anteil des unkontrollierten Zeichnens nimmt dabei im Sinne der als écriture automatique (automatisches Schreiben) geläufigen surrealistischen Zeichenkunst zu. Die Zeichnung abstrahiert sich zur Idee vom Objekt und überwindet die bloße Realitätsabbildung.

Diese Komplexität bei vordergründiger Überschaubarkeit macht sicherlich einen Teil der Faszination aus, die die Arbeiten von Natascha Brändli umgibt. Grundzug ihrer Arbeit ist, wie gesagt, die Ableitung von realen Naturgegenständen. Natürlich ist die Beschäftigung mit den Dingen der Natur nichts Neues. Ihre Schilderung und Hinterfragung gibt es, seit der Mensch zeichnet und modelliert. Das Szenario jedenfalls wird immer komplexer, wie man hier sieht. Dabei hat diese Methode der Befragung von Natur mehrere Voraussetzungen in der Kunst des 20. Jahrhunderts: im Ergebnis völlig anders, setzen sie jedoch dieselbe Reflexion voraus.

Vergleichbare künstlerische Vorgehensweisen und das Interesse an Klein- und Mikroformen der Natur lassen sich auch im Werk von Künstlern wie Max Ernst (in seiner Histoire Naturelle), bei Kandinsky, Klee oder Dubuffet aufzeigen. All diese Bemühungen kreisen letztlich um die Suche nach Urformen der Kunst, enttarnt in der Natur. Natürlich stellt sich auch die Frage nach den spezifisch plastischen Voraussetzungen der Kunst Brändlis. Denn auch die Plastik des 20. Jahrhunderts besitzt eine biomorphe – also von den Kräften des natürlichen Lebens geformte – Tradition, eben von Hans Arp über Henry Moore bis zu Jeff Koons. „Wie die Natur“ ist ein fundamentales Schlagwort moderner Ästhetik, die Plastik öffnet sich für Analogien zu Wachstumskräften, wie wir auch in dieser Ausstellung beeindruckt nachvollziehen können.

natascha brändli und Sven Ochsenreither: „leichtigkeiten“

Plastik, Zeichnung und Malerei
Einführungsrede von Markus Clauer
Landau, Städtische Galerie Villa Streccius, 12.10.2007

Ironie ist Glücksfall. Aber wer seine Ausstellung „leichtigkeiten“ nennt, macht es sich eben so schwer wie nötig. Vor allem, wenn mit Bildern von Kindern und Plastiken, die sich auf „Barbapapas“, also knubbelige Zeichentrickfiguren, beziehen, Flughöhe über dem Kitsch und der Idylle angestrebt wird.

Für die Landauerin Natascha Brändli ist es die erste große eigene Ausstellung. Abgeklärtheit ist nicht so ihr Ding. Und die handwerkliche Könnerschaft ist ihr fast ein bisschen peinlich. Dabei kann es nicht schaden, dass eine Plastikerin modellieren, schnitzen, schneidern, schweißen und an Dingen herumpfriemeln kann, bis alles stimmt. Das Bastel-Gen, erzählt sie, ist von der Oma geerbt. Dazu kam, dass Natascha Brändli Bühnenbildnerei am Theater gelernt und Modedesign studiert hat, bevor sie zur Kunst kam. Das heißt, wenn man die zwei anderen Berufungen von der Kunst überhaupt so einfach auseinander dividieren kann.

Bei allen hilft ein ins Fanatische driftender Perfektionismus, was das jeweils richtige Material anbetrifft. Der Blick. Zum Beispiel dafür, dass die Halskrause einer Bierflasche der Marke „Tannenzäpfle“ glattgestrichen ein wunderbar feinadriges Profil besitzt. Natascha Brändli hat es für eine Serie mit Objekten in Latex nachgeformt und auf die daraus entstehenden Inseln lange Clownswimpern drapiert. Als nur schön empfindet sich das nicht leicht. Oder, dass das spitze Ende der Baguettes eines ganz bestimmten Bäckers für die Zitze eines Gymnastikballs taugt. Sieht der nicht aus, wie der pralle Euter einer Kuh?

Am Liebsten arbeitet Natascha Brändli mit Papier und dem Bauchgefühl. Bäuche sind ohnehin ihr liebstes Motiv, neben Schafen. Bei den Zeichnungen lässt sie bewusst die falschen Striche stehen, so wie in hinduistischen Tempeln kleine Fehler eingebaut sind, um die Götter nicht zu verärgern. Sie schraffiert auch nicht. Natascha Brändli zieht Linien, die als Draht-Skelett ihrer, weil sie sie mit einer morbiden Schrägheit oder einem verstörenden Detail bricht, nur beinahe poetisch-schönen Papierobjekte wieder auftauchen, als eine Art Vorgabe.

Draht, bis zu zwölf Schichten Papier und Knochenleim, der nur bei 70 Grad hält und normalerweise vor allem in den Ausstattungswerkstätten der Theater verwendet wird. Der Rest ergibt sich, denn der Leim arbeitet weiter. Der Draht verzieht sich noch ein wenig. Das Objekt, belebt. Selbst das jeweilige Raumklima bildet sich in den Werken von Natascha Brändli ab. Papier ist ja gemacht für Einschreibungen. Denen des Zufalls etwa oder denen der eigenen Biografie. Ein Werk wie „fünf“, bei dem vier hintereinander liegende, rechteckige Papierlaken mit Drahtadern, im Flattern erstarrt, bei einiger Anstrengung den Blick freigeben auf eine kleine Plastikfigur, es erzählt von den Schichten, die es freizulegen gilt, bis der Mensch dahinter auftaucht. Es ist wie mit den Kleidern, die Natascha Brändli noch als Modedesignerin entwarf, Verschleierungen, mit denen man sich gegen Wahrnehmungen abdichtet. Und damals war es wie heute mit der Kunst. Sie war mehr am Skulpturalen als am Tragbaren interessiert.

Und dann die Sache mit den Schafen, eine motivische Vorliebe, die beim Leben entstanden ist, in zwei Jahren in einem einsamen Ort im Elsass mit 300 Einwohnern und dreimal so vielen Schafen eben. Eine Schule der Einsamkeit. Gedankenverloren hat Natascha Brändli die Tiere gezeichnet. Nicht unbedingt ein gängiges Sujet der zeitgenössischen Kunst. Herdentiere, doofe. Ihre Schafe sind einzig und allein.

Können Tiere einsam sein? Menschen können das. Die Kinder auf den Gemälden von Sven Ochsenreither, der 1973 in Landau geboren ist, aber seit 1994 in Mecklenburg-Vorpommern lebt, sind es anscheinend. Einsam. Versunken. In ihrer Welt, keinem Paradies. Vor einigen Tagen ging das Bild eines Pädophilen durch die Medien, der sich beim Kindesmissbrauch gefilmt und nur sein Gesicht dann mit Unschärfen unkenntlich gemacht hat. Die Polizei hat die Retuschen retuschiert and das Porträt des Verbrechers zu Fahndungszwecken veröffentlicht.

Auf Sven Ochsenreithers Gemälden sind die Kinder meistens allein, seltsam teilnahmslos oder vielleicht auch voller Emphase, statuarisch wirken sie beim Sitzen auf Wippen und auf Rutschbahnen, beim Klettern, hinter dem Gitter einer Leiter, oder beim Hantieren mit Requisiten: Kisten oder einem Besen. Ihre Gesichter haben keine Pausbacken. Sie verschwimmen, sind unscharf, undurchsichtig und maskenhaft. Manchmal sind die Gesichter mit Farbflecken getilgt, eine Auslöschung vielleicht auch: ein Abbild der vorherrschenden Konturlosigkeit, die Kinder, ja, auszeichnet. Und vermutlich ist auch mit diesen, in nie leuchtender, eher in ostig angegrauter Farbigkeit gemalten Darstellungen etwas zur Fahndung ausgeschrieben. Sven Ochsenreither ist nicht der Typ Künstler der etwas einfach so macht.

Seine Gemälde sind Bilder über Bilder, die zirkulieren und Stereotypen formieren. Kunst über Kunst. Malerische Reflektionen über Sehgewohnheiten und das Idyll, über Abstraktion und Realismus. Seelengemälde. Frida Kahlo, die sich das Herz aus dem Leib malte, ist als vielsagende Referenz angegeben. „frida (rotes zimmer)“, heißt zum Beispiel ein Werk von Sven Ochsenreither. Auf dem Bild „Laternenzug mit Trommler“ aus dem Jahr 2006 paust sich links eine Figur aus dem fleckigen Hintergrund, die, so wie sie dasteht, aus der Renaissance zum Vorschein gekommen sein könnte. Oder aus einem auf die russische Volkskunst abhebenden Werk des späten Malewitsch. Ochsenreither treibt sein Spiel mit Ambivalenzen. Auf dem Bild „möwen über schönwalde“ sieht man Vögel über nicht detaillierte Farbblöcke kreisen, die für wuchtige Hochhäuser stehen. Doch nicht sie wirken auf dem Bild bedrohlich. „städter 1“ heißt ein anderes Werk, bei dem sich jemand mit einer Geste wie auf Edvard Munchs „Schrei“ von einem grauen Etwas abwendet. In anderen Zusammenhängen hätte es als nichts sonst, als ein rechteckiger Kubus zu gelten.

Franz Marc, dem Künstler der blauen Reiter, wurde einmal vorgeworfen, ein Pferd sei doch nicht blau, and er antwortete: „Welches Pferd?“. Das sei ein Gemälde. Solche Geschichten muss man mitdenken, wenn man die Malerei der Andeutungen von Sven Ochsenreither anschaut. Sie steht immer auf einer Kippe. „… auf der Kante“ nannte Ochsenreither seine Ausstellung in Cottbus. Deren Zentrum waren die Bilder von Kindern auf Bühnen aus Farbflächen, eigentlich sind es Bilder über das Kindsein, wie es sich im Untergrund der herkömmlichen Darstellungen abspielt.

In den Medien kommen Kinder in der Hauptsache entweder als Opfer oder in gefühlsduseligen Zusammenhängen vor. Bei Sven Ochsenreither behauptet sich das Prekäre des Aufwachsens, das Geheimnis, das einem in jüngsten Jahren umgibt, das Bedrohliche des Hilflosen, das Unentschlüsselbare der ersten Jahre. „leichtigkeiten“, natürlich nicht.

„Da darf die Assoziationsmaschine rattern“

Besprechung von Gabriele Weingartner

zu „leichtigkeiten“, Städtische Galerie Villa Streccius Landau
Die Rheinpfalz, 17.10.07

Das Leben ist kein Kinderspiel, so suggeriert die Ausstellung mit Arbeiten von Natascha Brändli und Sven Ochsenreither in der Landauer Villa Streccius, wenngleich es dort ausschließlich spielerisch zuzugehen scheint. Ochsenreither jedenfalls malt hauptsächlich Kinder beim Spiel. Und Brändli mit ihren hübschen Schafen und Lämmern aus Papier und Holz setzt scheinbar gleichfalls auf naive Sichtweisen. In Wirklichkeit aber ist dies jeweils nur eine Seite der Medaille im Werk der beiden Künstler.

Denn in der Realität ist das Spiel, das der 1973 in Landau geborene und jetzt nahe bei Schwerin lebende Maler auf seinen Bildern inszeniert, kein Spiel, sondern nur die Vorbereitung auf das Leben. Und auch die lichtdurchlässigen, mitnichten wolligen Schafe der Künstlerin stehen nicht für sich selbst, sondern sind fragile Wesen aus Knochenleim, Draht, Stoff und Seidenpapier, die womöglich lieber ihrem Herdentrieb entkommen würden. Der Schau den Titel „leichtigkeiten“ zu geben, war insofern nicht falsch. Aber vielleicht auch absichtlich ein bisschen irreführend.

Es sind an die 80 zumeist kleinerformatige Acryl-Bilder, auf denen Ochsenreither Kinder spielen und dabei auf staunenswerte Weise ihr Spielzeug wechseln lässt. Wobei dieses immer wunderbar altmodisch bleibt: die kleinen Jungen und Mädchen fahren Traktoren und Tretroller aus Holz, sie ziehen Boller-Wägelchen hinter sich her, springen Seil, balancieren auf der Stange, wippen zu zweit oder alleine. Und befinden sich zumeist in rechtwinklig zugerichteten, farblich akkurat abgeteilten Räumen. Oft auch exakt zwischen zwei Räumen, unter der Tür, darüber sinnend, in welche Richtung es nun gehen soll. Individuelle Merkmale besitzen ihre Gesichter nicht, oft ist ihre kleine Physiognomie nur angedeutet. Und auch ihre Kleidung scheint unspektakulär, keine lustigen modischen Streifen blitzen auf, dafür gedeckte, praktische Hosen und Röcke in dezentem Uni. Anrührend wirkt die Selbstvergessenheit, der die Kleinen verfallen sind: auf sich selbst konzentriert, wollen sie auch mit dem Betrachter keine Kommunikation. Und Erwachsene, die sich in die Spiele drängen könnten, bleiben gleichfalls abwesend.

Sven Ochsenreiter setzt seine gemalten Kinder aber dennoch keinen Gefährdungen aus. Im Gegenteil: Seine Darstellungen von Spiel und niemals wirklich ausbrechendem Spaß sind ungewöhnlich leidenschaftslos, kein Vergleich mit den Kindern eines Balthus, dessen kindliche Wesen fast alle erotisch aufgeladen waren. In den zurückhaltenden, niemals Signale aussendenden Farben dieses Malers regt sich dagegen nichts, was aufregen soll. Dafür herrscht eine stille Zärtlichkeit, die einen fast widerstandslos von Bild zu Bild treibt. Keines ähnelt dem anderen in der Komposition, es ist eine unübersehbare Anzahl von Geschwistern, die sich in der Villa Streccius versammelt haben.

Natascha Brändlis Arbeiten sind nicht so gleichmütig und sanft. Überhaupt scheint die Künstlerin bewusst auf der Suche zu sein, nicht nur nach dem Sinn des Lebens und der Kunst, wie sie im Gespräch äußert, sondern auch nach Ausdrucksformen, die diese Suche verdeutlichen könnten. Sympathisch wirkt dabei die Vielfalt, in der die 1970 in Kandel geborene und jetzt in Landau lebende Künstlerin sich ausdrückt: dieses sich nicht Festlegenlassenwollen, die Offenheit. Und entsprechend vieldeutig lassen sich denn auch ihre Arbeiten interpretieren.

Einmal ihre mit dem Kunstwort „Smueks“ betitelten Wesen: Objekte, Erscheinungen, man weiß es nicht so recht. Ihnen bleibt Brändli sowohl zeichnerisch auf der Spur als auch dreidimensional. Verharren sie auf dem Papier jedoch als gleichzeitig vollzogene Reverenz an Dada, Art Brut und klassische Moderne, diese Kringel, Ketten und Steine – wobei hier Ironie nicht wahrzunehmen ist – so befreien sie sich doch als Skulpturen mit schön gestalteter Außenhaut aus dem engen Korsett der Ernsthaftigkeit.

Ganz nah bei ihnen siedelt denn auch die „Froschkönigkuhgel“, ein krudes, aus einem Gymnastikball hergestelltes Objekt, dem an einer Stelle Zitzen wuchern, die zwar trächtig und geil aussehen, deren Funktion aber doch wohl eher nebensächlich erscheint. Ein Prinz kurz vor der Verwandlung, eine Kuh, die zum Frosch degeneriert? Regelrecht hermetisch sind dann Brändlis fragile, mehrteilige „Sona“ und „Persona“-Gebilde aus Alpaccadraht, Seidenpaier und Leim. Die Assoziationsmaschine fängt an zu rattern, wenn man sie erblickt: durchscheinend sind sie, bisweilen wie mehrteilige, jeweils unterschiedlich eingestellte Kamera-Linsen wirkend, in deren Fokus ein Gummipüppchen zappelt.

mpk: „Pfalzpreis für Bildende Kunst 2016. Graphik – Fotografie – Video – Neue Medien“
Katalog
Erscheinungsjahr: 2016
Herausgeber: Bezirksverband Pfalz, Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern (mpk)
Künstler: Brändli Natascha, Brenner Thomas, Bellaire Nicole, Heieck Jörg, Reim Regina, Rudolf Silvia
Autor(en): Höfchen Heinz, Wieder Theo

Brändli, Natascha: „Atelier und Künstler 10, 27. Kreiskulturwoche 2016, Rhein-Neckar-Kreis“
Katalog
Erscheinungsjahr 2016
Herausgeber: Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis
Autor: Höfchen Heinz

Kunstverein Villa Streccius Landau: „werden…wachsen…wuchern…“
Katalog
Erscheinungsjahr:2015
Herausgeber: Stadt Landau in der Pfalz
Autoren: Dreher Christine, Haas Sabine, Stolt Tina, Wegmann Lucie

Brändli, Natascha: „blindzeichnungen“
Künstlerbuch
Erscheinungsjahr: 2012
Herausgeber: Brändli Natascha
Autor(en): Brändli Natascha

Brändli, Natascha: „Zeichnung, Objekte“ – Postkartenkatalog
Katalog
Erscheinungsjahr: 2013
Herausgeber: Brändli Natascha
Autor(en): Brändli Natascha

Brändli, Natascha: „immer wieder sonntags…“ – Illustrationen und Skizzen
Künstlerbuch
Erscheinungsjahr: 2012
Herausgeber: Brändli Natascha
Autor(en): Brändli Natascha

Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern (mpk)

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